Kender

Kender

Niemand weiß genau, woher die Kender kamen und was ihre ursprüngliche Bestimmung war. So ist es wohl nicht verwunderlich, dass im Laufe der Zeiten unzählige Mythen und Legenden entstanden, die das große Geheimnis der Herkunft dieses kleinen Volkes zu erklären suchten. Viele dieser Erzählungen berichten davon, dass die Kender durch ein Versehen der Hohen Götter Arwênia und Vergâs entstanden, andere behaupten, sie seien, wie auch die Gnome, aus einer Vereinigung zwischen den Kräften des Lichts und der Finsternis geboren. Die Kender selbst scheint es nicht zu kümmern, welche der Gottheiten ihre Gattung erschuf und so verehren einige die guten und andere die bösen Mächte. Voller Vertrauen auf den Segen ihres jeweiligen Gottes genießen sie ihr Leben, wandern fröhlich durch die Welt und scheren sich nicht um die Gefahren die vor ihnen liegen.

Die Kender sind etwa einen Meter und zwanzig Zentimeter groß, haben ein liebenswertes, schelmisches Gesicht mit großen, neugierigen Augen und sind  wohl die nervigsten Kreaturen, die jemals Oldôr betraten. Entdeckt ein Wesen dieser Gattung eine verschlossene Tür, hinter der ein großes Geheimnis zu liegen scheint oder eine Höhle, die sich in die Tiefen der Erde hinabwindet, so ist er nicht mehr zu halten. Es scheint, als wären die neugierigen, vorwitzigen Kender nur auf der Welt erschienen, um Erfahrungen und Gegenstände jeder Art zu sammeln, sich der hohen Kunst des Taschendiebstahls zu widmen und von allen erdenklichen Orten Karten zu zeichnen und zu sammeln. Voller Naivität und Dreistigkeit stürzen sie sich und ihre Gefährten von einer Peinlichkeit in die nächste.

Das Wort “Angst“ existiert im Sprachgebrauch dieses Volkes nicht, was bei ihrem großen Glück auch kaum jemanden verwundert. Gerät ein Kender durch eine “kleine Unachtsamkeit“ mal wieder in die Klemme, so gelingt es ihm meistens mit großem Geschick, einem unschuldigen Lächeln und vielen besänftigenden Worten auch die peinlichste Situation unbeschadet zu überstehen. Die Leidtragenden dieser Lebensphilosophie der Kender sind häufig ihre Gefährten, die nicht selten den Zorn derer auf sich ziehen, die mit dem Chaos, das ein Wesen dieser Gattung hinterlassen hat, zurückbleiben. Dennoch handelt ein Kender niemals mit böser Absicht, sondern folgt nur seinen natürlichen Instinkten und Trieben interessante Abenteuer zu erleben und wundersame Dinge zu erlangen.

Weisheit und Intelligenz kümmert die Kender nur wenig, so dass schon so mancher, der versuchte, einem solchen Wesen einen einfachen Plan darzulegen, an den Rand der Verzweiflung geriet. In den Tavernen und den düsteren Gassen der großen Städte haben die Kender jedoch eine eigene Art von Weisheit und Wissen erlangt. Dort im Zwielicht ist ihr Zuhause, wo sie jede Örtlichkeit und jeden Schatten kennen, und jeden Vorteil, sei er noch so gering, zu nutzen wissen.

Kender sind nicht sonderlich stark und sollten sich von daher aus wüsten Schlägereien und Handgemengen heraushalten. Wider aller Vernunft stürzen sie sich jedoch in jedwedes Kampfgetümmel, in das sie durch Zufall oder eigene Unachtsamkeit hineingeraten. Es wäre ja schließlich möglich, dass man im wilden Durcheinander des Gefechts einen ganz besonders interessanten Gegenstand “findet“ oder wahrhaft neue Erfahrungen sammelt. Ihr unsägliches Glück und die hohe Geschicklichkeit erlauben es ihnen, solche Situation meist unbeschadet zu überstehen.

Trotz all dieser unberechenbaren Verhaltensweisen, ist ein Kender ein guter Freund, der seinen Gefährten stets – manchmal sogar hilfreich – zur Seite steht. Dabei sollte man jedoch darauf achten, dass er nicht zu nahe an kostbare Besitztümer herankommt. Er ist in der Lage, Gegenstände, ohne dass es der Eigentümer bemerkt, in seinen eigenen Beuteln verschwinden zu lassen. Wird er einmal dabei erwischt, so versucht er sich mit einem naiven, unschuldigen Grinsen und dem Satz: “Schau mal was ich gefunden habe, du wirst es verloren haben. Ich wollte es solange für dich aufbewahren!“ aus der misslichen Lage zu befreien. Dabei kramt er dann meist den erbeuteten Gegenstand wieder aus seinem Beutel und gibt ihn mit einem gequälten Seufzer zurück.

Mechanische, nicht magisch gesicherte Einrichtungen, wie Schlösser und Riegel, üben auf die Angehörigen der Kendergattungen eine ganz besondere Faszination aus. Mit den geeigneten Werkzeugen wie Dolchen oder Dietrichen,  sind sie in der Lage, beinahe jede verschlossene Tür zu öffnen. Der Drang, die Orte, die dahinter liegen, zu durchsuchen und ihre Geheimnisse zu ergründen, spornt sie an, die kompliziertesten Mechanismen und Schließvorrichtungen zu überwinden.

Kender sind in den verschiedenartigsten Berufen zu finden. Die meisten Wesen dieses Volkes entscheiden sich, ihrer Veranlagung und Lebensphilosophie entsprechend, für die Berufe des Barden, des Waldläufers, des Händlers oder des Gauklers vor. Eher selten begegnet man sogar einem Kender, der als Schattenläufer die Lande bereist.